Montag, 4. Februar 2008

Wie wichtig sind Status und Bildung für die Liebe?

"Mein Freund hat einen hohen Testosteronspiegel. Aber kann er das auch buchstabieren?" Warum wir uns in späteren Jahren oft in Männer verlieben, die in jüngeren nicht infrage gekommen wären.


"Meine Güte, bitte nicht", dachte Marianne Hellwege*, als sie die weiße Rose in seinem knallroten Jackett, sein wildes schulterlanges Kraushaar, das schrottreife Auto sah, an dem ihre Kontaktanzeigenbekanntschaft lehnte, "der Mann ist ja eine einzige Peinlichkeit. Bloß weg hier!" Doch es war zu spät, er hatte sie erkannt und ging strahlend auf sie zu. "Sein Händedruck war angenehm fest", erinnert sich Marianne Hellwege, "auch seine Augen gefielen mir: Es waren braune Augen mit goldenen Sprengseln drin, und man sah ihnen an, dass er ein Mann mit viel Humor und Erfahrung war. Wir verbrachten einen lustigen Abend, und sein Kuss zum Abschied fühlte sich so gut und richtig an, dass ich über das orangefarbene gestopfte Loch an seinem Jackettärmel und die nackte Frau, die auf seinem Unterarm tätowiert war, großzügig hinwegsah. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich mich in so einen Mann verlieben könnte."


So fing sie an, die ungewöhnliche Beziehung zwischen dem 35-jährigen Friedhofsgärtner Wolfgang Blum* und der 16 Jahre älteren, männermäßig bis dahin sehr anspruchsvollen Chemielaborantin Marianne Hellwege. "Eigentlich gegen meinen Willen, denn eigentlich war mir Wolfgang peinlich. Er ist viel zu jung, sieht nicht besonders gut aus und hat wenig Geld. Außerdem hat er diesen breiten Hamburger Slang, den ich ein bisschen primitiv finde. Aber er strahlt so viel Witz und Lebensfreude aus, dass ich mich beim ersten Date mit ihm wohler gefühlt habe als in den letzten Jahren mit meinem Mann." Von ihm, einem gebildeten, gut aussehenden Notar, hatte sie sich getrennt, weil er sie so lieblos behandelt hatte, dass ihr Selbstwertgefühl zum Schluss "in einen Fingerhut" passte.
Als er ausgerechnet am Tag der Silberhochzeit zu einem Mandanten fliegen musste, reichte sie die Scheidung ein, auf die er beleidigend schnell, aber finanziell großzügig einging. In den ersten Wochen danach fühlte sie sich deshalb wie am Anfang einer schönen neuen Freiheit, doch dann war das Loch, in das sie fiel, größer und dunkler, als sie dachte. Natürlich war sie durch ihre Single-Freundinnen vorgewarnt, aber sie hatte nicht geahnt, wie sehr es sie dennoch kränken würde, dass sie für gleichaltrige und ältere Männer wie Luft schien. "Wie ein wandelndes abgelaufenes Verfallsdatum", sagt Marianne, "bis ich Wolfgang kennen lernte, einen jüngeren Mann, der mich, Ironie des Schicksals, sexy und begehrenswert findet. Wir passen wunderbar zusammen, obwohl er überhaupt nicht zu mir passt."



Mit zunehmendem Alter nehmen die erotischen Optionen ab. Männer werden knapp, zumindest die, die von Eltern, Freunden und Kollegen wohlgefällig als passend abgenickt werden. Bis Mitte dreißig, vierzig suchen wir, einer anthropologischen Prägung folgend, meistens Partner, die älter, klüger, größer und reicher sind als wir. Männer, die sich als Versorger eignen, für den Nestbau und zur Aufzucht der gemeinsamen Brut. Wir heiraten, weil alle aus der Clique heiraten, wir geraten in Brutzwang, wenn die ersten Babys purzeln. Doch wenn man älter wird, sagt BRIGITTE WOMAN-Psychologe Oskar Holzberg, wechselt man von "fremdbestimmter zu selbstbestimmter Anerkennung und kann dann auch gesellschaftlich 'Unpassenderes' annehmen". Es ist die Zeit für Männer, denen wir früher keinen zweiten Blick gegönnt hätten. Weil ihr Bildungsstand, ihr Gehaltskonto und ihr Geburtsdatum mit unseren bisherigen Vorstellungen von "passend" - oder "kompatibel", wie es im IT-Zeitalter heißt - nicht übereinstimmen. Männer, die jetzt auf einmal die einzig richtigen sind.
Quelle:Brigitte

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